Karsten Willemer

Karsten Willemer lebt mit seiner Familie in Celle. Er ist dort Pastor an der Pauluskirche.

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Grundgesetz statt Kreuz

Gedanken zum "bayerischen Kreuzzug"

Das Kreuz als Pflichtausstattung für bayerische Behördenzimmer? Als evangelischer Christ und Pastor finde ich diese Vorstellung ziemlich gruselig. Der Blick in die Geschichte sagt mir: Es ist in der Regel nicht gut ausgegangen, wenn das Kreuz für politische Zwecke benutzt wurde. Und nichts anderes tut der bayerische Ministerpräsident. Er benutzt das Kreuz als ein politisches Signal der Abgrenzung. Es geht ihm nicht um die Verkündigung der Botschaft Jesu, sondern um die Demonstration von "Heimatverbundenheit". Es ist sein Beitrag zu der von seinem Vorgänger Seehofer angefachten: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland"- Diskussion.
Ich meine, wer sich abgrenzen möchte, der tue das mit offenem Visier und verstecke sich dafür nicht hinter dem Kreuz - denn das steht für eine andere Botschaft!
Und wer dafür eintritt, dass in den deutschen Behörden bestimmte Werte geschützt werden sollen, der setze sich dafür ein, dass in jedem Raum ein Grundgesetz hängt, denn das Grundgesetz steht für die Werte, für die wir alle eintreten sollten, die Staatsdiener ebenso wie alle Bürger.
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Wer von Gott redet, predigt politisch

Politische Predigten stehen in der Kritik. Die Kritiker beklagen, von den Kanzeln würde zu viel von Politik geredet und zu wenig von Gott. Sie tun so, als ob das eine Alternative wäre. Aber das ist ein Irrtum.

Wer von Gott redet, predigt politisch. Denn Gott wird in der Bibel nicht nur als Schöpfer der Welt beschrieben, sondern auch als ein Gott, der in der Geschichte handelt. Gottes Gebote haben einen Einfluss auf das Gemeinwesen. Auch sie sind damit politische Werte.

Die Evangelien erzählen das Leben Jesu als Auseinandersetzung mit den politischen Machthabern. Nicht zuletzt sein Todesurteil unterstreicht dies. Jesus wird als Rebell gekreuzigt, der in Verdacht stand, sich zum König der Juden ausrufen zu wollen.

Kurzum: Der Gott der Bibel ist ein politischer Gott. Deshalb ist jede Predigt eine politische Predigt. Es mag ansprechende Predigten geben, und solche, die aufregen. Es mag ärgerliche Predigten geben oder inhaltsarme, vielleicht sogar – was Gott verhüten möge – auch langweilige Predigten.

Eines jedoch geht von der Sache her nicht: Eine Predigt kann nicht unpolitisch sein. Wäre sie das, hätte sie ihr Thema verfehlt. Und damit bin ich mir mit den Kritikern einig: Eine Predigt ohne Gott ist eine trostlose Angelegenheit.


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Starke Mütter

»Starke Frauen«: Auf verschiedene Weise ist mir dieser Begriff in letzter Zeit begegnet. Im letzten Gemeindebrief wurde der Kleidermarkt für »starke Frauen« angekündigt. Hier diente der Begriff als Umschreibung für Frauen mit einer größeren Kleidergröße. Die Straßenzeitung »Asphalt« gab ihrer Februar-Ausgabe den Titel »Starke Frauen« und berichtete von Frauen, die auf ganz verschiedene Weise Stärke zeigen: z.B. die Präsidentin der Welthungerhilfe, Sport-Übungsleiterinnen oder eine Asphalt-Verkäuferin.

Im Fernsehen wiederum dachte der Kabarettist Torsten Sträter laut über den Begriff der starken Frauen nach. »Wenn man stark bei Frauen extra dazu sagen muss«, so Sträter, »warum gibt es dann für Männer kein passendes Adjektiv, z.B. ›geduscht‹.« Torsten Sträter betont: Alle Frauen sind stark, nicht nur diejenigen, die als starke Frauen bezeichnet werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Hanna Legatis in der Asphalt-Zeitung, wenn sie die Gleichsetzung von »stark« und »erfolgreich« in Frage stellt. Starke Frauen sind nicht immer diejenigen, die als erfolgreich gelten und im Rampenlicht stehen. Mit den Worten von Torsten Sträter: »Jede Altenpfegerin ist stärker als Iris Berben.«

In der Bibel spielen Frauen eine wichtige Rolle, auch wenn sie zahlenmäßiger viel weniger vorkommen als Männer. Meistens erscheinen Frauen als Mütter oder Ehefrauen, doch es gibt auch Ausnahmen. Im Buch Josua findet eine Hure positive Erwähnung (Jos. 2). Und Ruth, deren Name sogar ein biblisches Buch betitelt, wird für ihre Treue als Schwiegertochter gerühmt. Dass Frauen in der Bibel häufig als Mütter in Erscheinung treten, kann man als männlich geprägte Einseitigkeit bedauern. Auf der anderen Seite: Was wäre die Bibel ohne Eva, Sarah, Rebekka, Rahel, Lea, Hanna, Elisabeth oder Maria (um nur einige Mütter zu nennen)?

Was wäre die Welt ohne Mütter? Ohne Frauen fehlt die Hälfte der Geschichte – ohne Mütter fehlt alles. Denn ob Frau oder Mann: Wir alle sind Kinder unserer Mütter. Sie haben uns geboren und haben uns auf ganz unterschiedliche Weise Entscheidendes mitgegeben. Der Kabarettist Sträter formuliert es so: »Ohne die intensive Vorarbeit meiner Mutter würde ich ohne Hose auf die Straße gehen.«

Der Muttertag, den wir in diesem Jahr am 8. Mai feiern, hat eine zwiespältige Geschichte. Doch wie immer wir zu diesem Tag stehen, wir sollten uns regelmäßig (und nicht nur einmal im Jahr) an all das Gute erinnern, das wir unseren Müttern verdanken.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Muttertag!

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Ein Gebet am Buß- und Bettag

Guter Gott,

wir bitten dich für die Opfer der Attentate in Paris und für alle Opfer, die der Terror des IS bereits gefordert hat. Halte die Toten in deiner Liebe geborgen. Heile die Wunden der Verletzten. Tröste die Trauernden und schenke den Verängstigten neuen Lebensmut.

Wir bitten dich für die Flüchtlinge, die aus der Not zu uns kommen. Schenke ihnen Frieden und die Chance auf ein gutes Leben. Ermögliche ihnen, ein anerkannter Teil unserer Gesellschaft zu werden, und lass sie ihren Beitrag leisten durch die Gaben, die sie mitbringen.

Wir bitten dich für unser Land das vor einer großen Herausforderung steht. Lass uns alle miteinander mutig und solidarisch arbeiten für ein Deutschland im Sinne des Grundgesetzes: Offen, sozial, frei und demokratisch. Stärke die Stimmen der Vernunft und des Ausgleichs, damit nicht Angst und Ideologie unser Handeln bestimmt.

Wir bitten dich für uns, deine Kirche: Dass wir auch weiterhin die Stimme erheben und deine Liebe in der Welt bezeugen, dass wir den Armen Hilfe geben, den Schwachen Schutz und den Fremden Heimat. Dass wir nicht schweigen zu Unrecht und Hass.

Guter Gott, wir sind angewiesen auf deine Gnade.Sie ist die Hoffnung für unsere Kirche, für unsere Welt, für uns selbst.Darum bitten wir dich: Bleibe bei uns, jetzt und immer. Amen.





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Osterwoche? Karwoche!

Manchmal staune ich über den Unsinn, den auch seriöse Medien mitunter verbreiten. So nannte der Moderator der gestrigen Sendung "heute nacht" die jetzige Woche "Osterwoche".

Das ist in doppelter Weise falsch. Denn das Thema dieser Woche ist nicht Ostern, sondern der Passionsweg Jesu mit dem traurigen Höhepunkt am Karfreitag.

Ostern feiern wir erst nächste Woche! Und damit wird der zweite Fehler deutlich, den der Fernsehmoderator gemacht hat. Die Woche beginnt nach christlicher Zählung mit dem Sonntag, dem Tag der Auferstehung Jesu.

Insgesamt offenbart der Moderator eine erschreckende Unkenntnis im Blick auf die eigene Kultur. Das sollte nicht nur Theologen und Kirchenleitungen aufmerken lassen, sondern auch Bildungspolitiker.

Bildung ist notwendig. Dazu gehört auch ein Grundwissen über das Christentum.

Ich wünschen Ihnen eine gesegnete Karwoche!
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"Wir können die Welt schöner machen!"

Predigt mit Lukas 8,4-8 und 11-15. Die Predigt war Teil des Vorstellungsgottesdienstes der Hauptkonfirmanden in der Pauluskirche. Zu Gast in dem Gottesdienst war das Projekt Brückenbau, das von seiner Arbeit berichtet hat.


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Gott lernt dazu.

Und wir?

Keine Gnade für die Mörder!
Todesstrafe!
Sofortige Abschiebung!
Hart durchgreifen!

Gott macht nicht nur Sprüche. Gott handelt. Die Mörder und Verbrecher werden vernichtet. Nur Noah bleibt übrig. Noah und seine Familie. Die letzten Gerechten entkommen auf der Arche. Alle anderen sterben. Gott macht ernst.

Und dann?

Dann merkt Gott, dass es so nicht geht.
Das Böse lässt sich nicht mit Gewalt aus der Welt schaffen.
Auch nach der Sintflut ist es vorhanden.
Der Mensch hat sich nicht verändert.

Aber Gott hat sich verändert.
Gott lernt dazu.
Gott merkt, dass Gewalt kein Heilmittel gegen das Böse ist.

Gott geht einen anderen Weg.
Gott reicht der Welt die Hand zur Versöhnung:

"Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."


(Die Bibel, 1. Buch Mose Kapitel 9 Vers 22. Der Monatsspruch für Januar)


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Bild: Karsten Willemer

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Das Leben ist bunt

„Mit Unterschieden leben!"  So lautet das Motto der diesjährigen Woche der Diakonie. Es wirbt dafür die Vielfalt in der Gesellschaft als Gewinn zu sehen.

„Menschen sind ja so verschieden.", sagt etwa Diakonie-Direktor Christoph Künkel. „Das macht den Reiz unseres Miteinanders aus, das wir verschieden aussehen, unterschiedlich denken, anders leben. Unsere Gesellschaft lebt von der Vielfalt."

Dem kann ich nur zustimmen. Wer wollte schon in einer voller gleichförmiger Klone leben? Allerdings gibt es die wunderbare Vielfalt nicht umsonst. Es kostet etwas, dass die unterschiedlichen Menschen gut zusammen leben können.
Es kostet Zeit und Geld und Kraft, wenn wir diejenigen unterstützen, die auf Hilfe angewiesen sind. Es kostet Rücksichtnahme und Verständnis, wenn wir denen offen begegnen, die anders leben als wir.

Die Woche der Diakonie hat den Gedanken der Inklusion in den Mittelpunkt gestellt. Diakoniedirektor Künke beschreibt Inklusion so: „Es geht nicht um Gleichmacherei. Wohl aber soll allen Menschen die Möglichkeit eingeräumt werden, selbstbestimmt und in eigener Verantwortung am Leben teilzuhaben, unabhängig von einer Behinderung, ihrem Alter, dem Einkommen oder ihrer Herkunft."

„Mit Unterschieden leben!" Diese Idee ist auch eine Herausforderung. Denn die Vielfalt, die unsere Gesellschaft bunt macht, wird immer wieder als Bedrohung empfunden. Wir wollen keine Welt voller Klone. Aber wir haben auch Angst vor dem, was anders ist. Dann bauen wir innerlich Mauern auf. Wir wehren ab, was wir nicht kennen.

Abwehrende Stimmen meldeten sich nachdem der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine Orientierungshilfe zum Thema Familie herausgegeben hatte. Das traditionelle Bild von Ehe und Familie sei in Gefahr, wenn anderen Formen von Lebensgemeinschaften gleiche Rechte eingeräumt würden.
Warum das so sein soll, leuchtet mir allerdings nicht ein. Meine  Ehe wird doch nicht wertloser, wenn auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen.

Das Leben ist bunt. Und wir Menschen sind ja so verschieden. Das ist nicht immer ganz einfach zu ertragen. Aber es lohnt sich, wenn wir lernen, mit Unterschieden zu leben.